018 – Petula

Sebastian Cleemann. Wer in den letzten 15 Jahren irgendwie im deutschen Independent-Bereich unterwegs war, ist an diesem Namen mit großer Sicherheit nicht vorbeikommen. Kate Mosh, Seidenmatt, UNS, ClickClickDecker - Indie, Postrock, arty Elektropunk, Indie-Pop. Sebastian Cleemann ist Multiinstrumentalist, Sänger und musikalischer Langstreckenläufer, mit einem Händchen dafür, Musik zu schreiben, die genau da ankommt, wo sie dem Hörer am wohlsten Tut.

Seit 2010 veröffentlicht er außerdem unter dem Namen Petula. Folkig, elektronisch, tiefsinnig kommt das Soloprojekt daher und unterscheidet sich so etwas von Cleemanns anderen. Petula ist ruhiger, nimmt sich mehr Zeit, ist nachdenklich. „Petula bleibt die Band, die da ist, wenn du jemanden brauchst, der dir beim Zerbrechen zusieht. Die die Dunkelheit schafft, die das Elmsfeuer um Kopf und Herz erst richtig strahlen lässt. Musik als Flucht nicht vor, sondern in die Schwere in dir.“ So fasst es der Pressetext schon am besten zusammen.

Anfangs das ewige Nebenprojekt, mutiert Petula über die Jahre zu etwas Großem und Wichtigem. Zwei Alben, mehrere EPs, Tourneen durch Deutschland und eine treue Fanbase sind die Folge.

Am 22. Februar erscheint nun das dritte Album „Fuck This Shit“ auf dem Leipziger Label „Golden Ticket“ (ehemals „Analogsoul“). Über zwei Jahre werkelte Cleemann an der perfekten Zusammensetzung der Platte. Mit der Hilfe langjähriger Mitstreiter wie den Musikern von Earnest And Without You, dem Produzenten Tobias Siebert und Oliver Stangl von ClickClickdecker entstanden acht Songs. Drei davon hat er bereits veröffentlicht und diese geben jetzt schon vor, in welche Richtung es auf dem Album gehen wird - melancholisch, düster, hoffnungsvoll. Petula bleibt sich treu. Ab 07. März ist Petula als Support für ClickClickdecker auf Deutschlandtour.- Martin

DIE LISTE 

Michael Fassbender - All Broken

„Frank“ ist ein in mancher Hinsicht sehr unbeholfener Film, aber neben einem großartigen Michael Fassbender reißt es vor allem die Musik raus, ihr eigentümliches Vokabular und ihre sparsamen Arrangements. „Frank's Most Likeable Song Ever“ gehört auf jede Beste-Lieder-Liste, aber vor allem „All Broken“ mit seiner simplen Wahrheit muss hier eröffnen. Banjaxed and broken and smashed up in bits.

Aereogramme - Black Path

Kaum eine Band hat mich mit ihren Liedern so durch die letzten 15 Jahre getragen wie Aereogramme. Und obwohl wir uns schon einige Male persönlich begegnet sind, fühlt es sich immer seltsam an. Was sagt man zu Leuten, die einen so oft so persönlich berührt haben, zu deren Worten man ein derart inniges Verhältnis hat? Es ist oft deutlich zu groß und wird dann deutlich zu klein.

Anna Ternheim - Kärleken Väntar

Weil die Bedeutung eines Liedes eben immer auch eine Frage des Zufalls ist. Ich habe kein besonderes Verhältnis zu Anna Ternheim und auch keines zum Original dieser Coverversion. Aber dieses Stück, an einem ultratristen Tag auf einer einsamen Fahrt über die Autobahn plötzlich im Radio, legte sich in all seiner Schönheit und Tristesse um den Moment, es war fast zu perfekt. Begleiter für immer, ja sorry.

Delbo - Peroma

Ich zitiere mal aus meinem damaligen Versuch, meinen Freunden einen Infotext zu schreiben: „Eine tief gehende, berührende Platte, die zu Tränen bewegt und zur Bewegungslosigkeit betört. Und kein Infowort und kein Abriss der eigenen Ergriffenheit können ihr gerecht werden.“ Das gilt noch immer und als Erinnerung an einen guten Freund gleich tausendmal.

Matt Sweeney, Bonnie „Prince“ Billy - Bed Is For Sleeping

Will Oldhams Fähigkeit, mit wenigen Gesten und sachten Bewegungen genau ins Herz zu treffen, ist mitunter fast unangenehm, weil die Präzision fast zu berechnend wirkt. Aber nun, was willste machen. „Bed Is For Sleeping“ – Musterbeispiel. Übersichtliche Dramaturgie, übersichtliches Arrangement, why are you leaving?

Soap&Skin - Wonder

Die Geschichte dazu, dass ich auch 12 Jahre nach unserem ersten und einzigen Treffen das Gefühl habe, bei Anja Plaschg etwas wieder gut machen zu müssen, ist leider sehr langweilig. Zumal ihre Musik seitdem allem simplen Groll so weit entwachsen ist. Case in point: „Wonder“ in seinen betörenden Zyklen der Traurigkeit. Es könnte, glaube ich, noch stundenlang so weitergehen, und wäre noch immer voller Zauber.

Xiu Xiu - Hello From Eau Claire

Als ich einmal für Powerdove eröffnete, sagte mir die Band später, sie würden Jamie von mir erzählen. Da ich ja offensichtlich 100% seinen Gesangsstil nachahme. Deshalb aus Trotz hier ein Lied, bei dem er gar nicht singt. Und doch als Geist durch die Arrangements flirrt und mit liebevollem Nihilismus Caralee McElroys aussichtsloser Selbstbehauptung in die Parade fährt. I can weep through my own midnights.

Belle & Sebastian - Asleep On A Sunbeam

The odd one out auf dieser Liste, denn Belle & Sebastian sind oft genug und gerade heute ein ganzes Stück jenseits der Nähe und Unmittelbarkeit, die ein trauriges Lied als Begleiter braucht. Vieles ist sehr konstruiert, vieles arg auf Anschlussfähigkeit optimiert. Und doch gibt es immer wieder die Momente, die umso härter treffen. Wie in diesem melancholischen „Mal raus in den Frühling“-Liedchen, dessen ungeduldig-nachsichtiges „I'm waiting for you to get out of your situation with your job and with your life“ es (i.e. mich) immer wieder schafft.

The Breeders - Off You

Immer noch eine so perfekte Geste, ein so großer Moment in meinem persönlichen Musikerleben: Fast 20 Jahre nach „Last Splash“ nähert sich das erste neue Breeders-Album – und dann die erste Single eine klare Absage an jede Cannonball-Erwartung. Alles langsam, lang und leise, Kim Deal brüchig und älter, eine alte Freundin, die sich müde an deinen Tiasch setzt. Und vom Drüberhinwegkommen singt, in so schönen Worten und Tönen. Dass danach mit dem tollen „Huffer“ dann doch noch wieder Ungestüm eingelöst wurde: fast geschenkt.

Sufjan Stevens - Vito's Ordination Song

Ja, natürlich muss hier Sufjan mit drauf. Ganz Carrie & Lowell? Ganz Seven Swans? Tonya Harding oder Mystery Of Love? Nehmen wir als letztes Stück doch ein letztes Stück. Vom ersten Album, mit dem er im Leben der meisten erschien. Worte des Trostes und der Zuversicht am Ende dieser Liste. There's a design to what I did and said. Vielen Dank für die Einladung.