103 – KLEE

KLEE_Presse Fotos_Credit Heike Sieber

KLEE begegneten mir das erste Mal in einer Zeit, in der ich musikalisch eigentlich ganz woanders unterwegs war. Abgeklärte Typen mit rotzigen Riffs, die lauthals auf Englisch wahlweise das System oder ihren Herzschmerz beklagten, waren meine Helden. Laut musste es sein und dagegen. Genau wie mein 16-jähriges Ich.

Ein guter Freund, der auch heute noch mein musikalischer Sparringspartner ist, gab mir damals eine gebrannte CD (sorry!), auf die er mit schwarzem Edding „KLEE – Jelängerjelieber“ kritzelte und meinte, dass ich mir die unbedingt anhören müsse. Rückwirkend gesehen war das, was dann folgte, ein klassischer Epiphany-Erleuchtungsmoment. Denn als ich die Platte in den CD-Player legte, konnte ich nicht fassen, was ich da höre. Pop, auf Deutsch, der mich total mitnimmt. Diese Stimme, diese Melodien und diese Leichtigkeit in der Melancholie – das alles hatte ich so noch nie gehört. Schon die erste Line macht mir heute noch Gänsehaut und katapultiert mich unmittelbar zurück in den Moment vor meinem CD-Player: „Das hier ist für alle die / die es verstehen / die in der Tragik der Tragik das Schöne sehen.“ Das bin ich auch, damals und heute.

Viele der rotzigen Typen von damals sind heute nicht mehr in meiner Plattensammlung. Die Musik von Suzie Kerstgens und Sten Servaes hingegen ist seit diesem Tag ein fester Begleiter, der mir immer wieder seine Hand auf die Schulter legt und sagt, dass das alles schon ok so ist „und alles einen Sinn macht irgendwann“. Manchmal braucht es das.

Nach zehn Jahren musikalischer Pause erscheint nun am 30.04. das sechste Album „Trotzalledem“. Vier Singles sind schon draußen und gleich die erste „Danke Nein“ macht deutlich, wie sehr KLEE und ihre Songs in den vergangenen Jahren gefehlt haben: Die Leichtigkeit, Dringlichkeit und Eingängigkeit, mit der „Danke Nein“ zugleich zum Tanzen, Nachdenken und Mitsingen auffordert, macht ihnen auch 2021 so schnell niemand nach. Da ist sie wieder, die Hand auf der Schulter.

DIE LISTE 

Die traurigsten Lieblingssongs von Klee.

 

Suzie:

The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me

Das war das letzte Lied auf der A-Seite meiner selbstaufgenommenen Kassette, die ich mit in die Sprachferien nach Biarritz genommen habe. Ich habe mir den Walkman meiner Freundin ausgeliehen und weiß noch genau wie weich sich die Schaumstoff-Öhrchen des Kopfhörers an meinen Kopf schmiegten, während ich nachts am Strand mit den Füssen im Meer stand und mich nach der Liebe meines Lebens sehnte.

Low  - Two Step

Low habe ich sehr oft Live gesehen. Einmal in Dublin in einem winzig kleinen Pub. Es war brechend voll und ich saß auf dem dicken bierschweren Teppichboden. Man hätte wirklich einen Floh husten hören können zwischen den Songs, so still war das Publikum. Besonders mag ich das Album „Secret Name“ auf der auch dieser Song ist. Ich finde die Musik so schön, dass es weh tut.

Death Cap For Cutie – I Will Follow You Into The Dark

Das war das Hochzeitslied von Freunden. Alle Gäste mussten um Fassung ringen als der Song gespielt wurde. Einerseits weil der Track so unfassbar intense ist und schon bei der ersten Zeile die Tränen in die Augen schießen. Andererseits weil das Hochzeitspaar und die Trauzeugen in liebevoll selbstnähten Hasenkostümen vor dem Standesbeamten stand. Und genau das hatte in diesem Moment etwas unfassbar Tröstendes.

Tim Hardin - If I Were A Carpenter

Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich dieses Lied spiele, wenn mein Vater beerdigt wird, u.a. weil er Schreiner war. Als es dann soweit war, hätte ich es eh nicht ausgehalten und „Only Time“ von Enya reichte dann schon aus um uns alle an den Emotionalen-Abgrund zu bringen.

Michael Kiwanuka - Love & Hate

Ich liege auf dem Fußboden und drehe den Lautstärkeregler nach ganz oben. Schließe die Augen und lasse den Song wie eine Flüssigkeit durch meinen ganzen Körper fließen. Die repetitiven Chöre werden zu meinem Mantra und ich verschmelze mit jedem Ton und mit jedem Wort. Ich fühle mich verstanden und umarmt und in diesem Augenblick bedauere ich dass es bei Vinyl keine Repeat- Taste gibt.

And The Golden Choir – My Brothers Home

Der Song ist auf der „Another Half Life“ Platte und auf der Position 4 des Albums ist das Vinyl besonders beansprucht, sooft habe ich die Nadel wieder auf den Anfang zurückgelegt. Das Lied, die ganze Scheibe ist ein Geschenk. Ein Geschenk des Himmels zu einer für mich irre schwierigen Zeit in der die außergewöhnliche Instrumentierung der Nummer mir viel Kraft gegeben hat. Der Song berührt mich sehr und ohne ein ausreichendes Kontingent an Taschentüchern dabei zu haben, ist für mich auch kein „and the golden Choir“ Konzert möglich.

Sten:

Billy Bragg – Tank Park Salute

"Daddy is it true that we all have to die?". Kaum ein Songwriter hat mich so tief bewegt und mein gesamtes Leben so stark beeinflusst wie Billy Bragg. Seine Worte schlagen Wurzeln in meiner Seele und beflügeln sie zugleich. Ich glaube, ohne seine Musik wär ich ganz anders ins und durchs Leben gegangen. Dieses Lied über und für seinen verstorbenen Vater ist so zärtlich und kraftvoll zur gleichen Zeit, dass es mich jedesmal zu Tränen rührt und emotional in Stücke reißt.

Belle & Sebastian – Fox in the Snow

Meine früheste Kindheitserinnerung ist ein verschneites Feld und darauf in der Ferne ein Fuchs. Als ich dieses Lied zum ersten Mal hörte, im Auto auf dem Weg ans Mittelmeer, auf einer Kassette, die mir Timo, ein befreundeter Indie-Pop-DJ, aufgenommen hatte, war es wie eine Offenbarung. So viele vertraute Bilder waren in dem Lied, so viel Nähe, so viel Wärme in den Melodien und im Arrangement. Ich spiel ja auch Klavier, aber alles andere als virtuos und gerade das "suchende" und fragile Spiel hier, rührt mich sehr, denn es ist wahrhaftig. Koketterie und Pathos können niemals auf solche Art bewegen, wie es dieses Lied tut.

Nick Drake – Magic

Über Nick Drake muss man vermutlich nichts mehr sagen, wenn es um Traurigkeit in der Popmusik geht. Er ist ja quasi die Verkörperung derselben. Was für ein tragisches, trauriges Schicksal, was für einzigartige, wundervolle Musik. Die Streicherarrangements seines Freundes Robert Kirby geben seinen Songs einen Klang von Sehnsucht, den ich so nirgendwo sonst erleben kann.

Talk Talk – I believe in you

Ich bin 17 oder so, sitz in meinem Kinderzimmer und lege das Album "Spirit of Eden" auf, das ich kurz vorher bei "Sounds" in Venlo gekauft hatte. Als sich die Nadel senkt, pulverisieren alle Erwartungen in Sekundenbruchteilen und wie ein Urknall sprengt der Sound die Grenzen meines Kinderzimmers, meiner gesamten Welt.

Wenn ich es jetzt höre, sitz ich unmittelbar wieder auf der Bettkannte meines nicht mehr existenten Kinderzimmers, mit offenem Mund und einer Gänsehaut am ganzen Körper, wenn bei 2:22 der Akkordwechsel kommt und Orgel und Bass Mark Hollis' sehnsüchtiges "Spirit - how long" ins Universum tragen.