Miserable Monday Update: 2021, ein Fazit.

Sexting you at the mental health talk seems counterproductive. Oder: 2021 – es war nicht alles schlecht!


Miserable Monday - 2021
Miserable Monday Update: 2021 – es war nicht alles schlecht!

2021: das Jahr, auf das wir uns 2020 alle gefreut haben. Wir wussten, bis zum Sommer haben wir die ganze Pandemiescheiße hinter uns. Alles easy, back to normal.

Seit dem Sommer wissen wir, dass auch die zweite oder dritte Biontech im Arm nichts daran ändert, dass das hier noch lange nicht vorbei ist. Wir drehen uns im Kreis und wachsen dabei exponentiell in die Höhe. Und das vor allem, weil immer noch viel zu viele nicht mal die erste Biontech im Arm haben. Es nervt maximal.

Aber hey, es war gewiss nicht alles schlecht, würde meine Großmutter Käthe sagen, wenn sie noch da wäre. Recht hätte sie! Darum hier eine absolut nicht vollständige Liste an schönen 2021 Dingen.


Die Popsensation des Jahres

Insgesamt 47 Chaise Longues brauchen die beiden britischen Musikerinnen Rhian Teasdale und Hester Chambers von der Band Wet Leg für ihren Indie-HIT „Chaise Longue“. Das klingt rein quantitativ natürlich erst mal recht viel. Im Vergleich dazu benötigt der französische Rapper Taipan gerade mal 6 Chaise Longues für seinen Song „Chaise Longue“. Aber manchmal ist mehr eben auch besser.

Wet Leg haben „Chaise Longue“ am 15. Juni veröffentlicht und stand heute (24.12.21, 10:30 Uhr) sagenhafte 5.924.937 Spotify Plays (also ca. 4,23€ in Spotify-Tantiemen) generiert. Weltweit ausverkaufte Konzerte, die Herzen der Indiepresse und -fans, Hotrotation-Plätze und Aufritte im US-TV beruhen letztlich einzig und allein auf den frechen zwei Akkorden in „Chaise Longue“. Dass ein Duo von der Isle Of White, was erst seit 2019 zusammen Musik macht, die Kraft hat, über Nacht das Musikgeschäft zu übernehmen, stimmt mich sehr zufrieden und hoffnungsvoll. Ein: „Klar, wenn die beiden das schaffen, können wir das auch“ liegt in der Luft. Das tut dem abgewichsten Musikgeschäft, in dem so viele Akteur:innen nach Reichweite suchen, gut.

Drei weitere Songs haben die beiden dieses Jahr veröffentlicht. Außerdem wurde das Debütalbum (VÖ: 08.04.22) und eine Handvoll Deutschland Termine für Mai angekündigt. Wahrscheinlich die letzte Chance Wet Leg auf einer kleinen Bühne zu sehen. Also hin da!



Sexting you at the mental health talks seems counter-productive

Ich bin zwar kein großer Fan von „Album des Jahres“ Titeln, aber es gibt dann halt doch jedes Jahr dieses eine Album, was mich besonders beschäftigt hat.

Also sagen wir es, wie es ist: „Prioritise Pleasure“, das zweite Album der britischen Musikerin Rebecca Lucy Taylor, aka Self Esteem, ist mein Album des Jahres 2021. Taylor, die bis 2017 Teil des Indie-Folk-Duos Slow Club war, öffnet auf dieser Platte die Tür zu ihrem Innersten. Es geht um gescheiterte Beziehungen, um die SMS an den Ex und um die Angst und die Wut, die in einem Leben als flinta* Person alltäglich geworden sind. Die Songs bieten dabei allerhand Trost, Humor und Leichtigkeit. Lines wie: „Sexting you at the mental health talk seems counter-productive” sind verpackt in schillernde Pop-Sounds und treibende Rhythmen. Bemerkenswert ist der Frauenchor, der sich wie ein roter Faden durch die Platte zieht und wahlweise Taylors Anekdoten kommentiert, oder auch mal den Weg in die richtige Richtung zeigt: „Breathing in, one, two three // prioritise, pleasuring me“. (Auge Sophokles)

Empowerment ist das große Thema der Platte. Taylor wird dabei zur Anführerin des Guten und das nicht zwangsläufig nur für flinta* Personen. Denn auch wenn die Botschaften in Teilen etwas plakativ herüberkommen mögen, so schafft sie eine Art Leitfaden für alle, die vom Leben etwas anderes erwarten als das klassische nine-to-five und damit unter Umständen anecken. Mich hat das total abgeholt!



Gitarren, Gitarren, Gitarren

Gekniedelt wurde dieses Jahr natürlich auch wieder ordentlich. Gitarrenmusik ist Dank der Postpunk-Welle aus UK wieder hip. Auch wenn wir natürlich wissen, dass sie nie nicht hip war. Klar.

Bemerkenswert fand ich vor allem das Debütalbum von Laura Lee & The Jettes. Wasteland heißt die Platte, die genauso gut auch in den 90ern zwischen „Siamese Dream“ oder „Brighten the Corners“ ihren Platz gefunden hätte. Irgendwo zwischen Slowcore und Grungerock findet Laura Lee ihren Sweetspot und zeigt, dass sie eine der wohl besten Songwriterinnen des Landes ist.



Außerdem:
Die Herren von Mogwai haben mit „As The Love Continues“ bewiesen, dass man manchmal bis ins mittlere Alter warten muss, um ein Number 1 Album zu schreiben.
Die Postpunk-Pioniere Idles entdecken auf „CRAWLER“, dass Melodien gar nicht so schlimm sind.
Die Dänen von Boundaries haben sich auf „Maidan“ für Postrock statt Postpunk entschieden.
Dry Cleaning machen Postpunk 2.0. Es geht viel ums Essen.
Squid haben ihre Tentakel in allen Genres, übertreiben es auf „Bright Green Field“ aber ein wenig.


Made in Germany

Danger Dan deckt alles mit der Kunstfreiheit ab; Christin Nichols möchte, dass es uns schlecht geht und Karl Die Große fragen sich; was denn nun ist, wenn keiner lacht. All das ist richtig gut und macht Bock auf den Musikstandort Germany. Außerdem haben Laura Lees Labelmate THALA und (part of the Wuppertal Crew) Maria Basel mein Herz erobert.



Schauen wir nach Mitteldeutschland: Hier fallen neben Karl Die Große vor allem Elephants On Tape aus Leipzig auf, die mit „Every Structure’s Dislocated“ ihr drittes und bisher stärkstes Album veröffentlicht haben. Außerdem haben Power Plush für den freshesten Sound gesorgt, den Chemnitz seit Langem gehört hat.



By the way

Für alles, was mich dieses Jahr musikalisch außerdem bewegt hat, empfehle ich meine Best Of Sendungen (Teil 1 vom 20.12. und Teil 2 am 03.01.). 


Was möchten Sie trinken?

Viele Konzerte waren es dieses Jahr wieder nicht. Sehr schade! Der Stapel an verschobenen Konzerttickets wächst weiter vor sich hin. Ein Highlight gab es aber dennoch:

Das Reeperbahn Festival! Endlich wieder Bands, endlich wieder Konzerte, endlich wieder Leute treffen, mit denen man seit 2 Jahren nur per Mail kommuniziert hat und (wichtig!) endlich wieder gemeinsam Bier trinken. Mega!

Wobei man, wenn man über das diesjährige Reeperbahn Festival spricht, nicht um eine Sache herumkommt: die Organisation. Die war, ganz im 2021 Stil, eher schlecht.

Los ging alles mit der PartyMate App. Eine App, von der ich noch nie gehört hatte; eine App, die einen äußerst windigen Eindruck machte und eine App, ohne die auf dem Festival rein gar nichts lief. Der coronagemäße Check-in und Check-out an den einzelnen Clubs sollte über diese App stattfinden. Ok gut, dachte ich mir. Also runtergeladen, installiert, registriert, bereitwillig all meine Daten zur Verfügung gestellt und ab gehts. Dass die PartyMate App nun aber direkt schon bei der ersten Show im Molotow abstürzte und so niemand in den Club konnte, war mindestens ärgerlich. Aber egal. Wenigstens nicht zuhause, wenigsten unter Leuten, wenigsten ein Bier in der Hand.


Coronabedingt durften die Clubs in diesem Jahr natürlich nur sehr viel weniger Menschen reinlassen, als sie könnten. Das wiederum sorgte für Ärger und Probleme. Denn wenn man nicht zum auserwählten Kreis der Delegates gehörte und mithilfe des riesigen VIP Passes an den langen Schlangen vorbeispazieren und sich direkt vorn anstellen konnte, war ein Reinkommen äußert schwierig. Freunde von mir standen teilweise 2 bis 3 Stunden vor den Clubs, um dann trotzdem nicht reinzukommen.

Wer aber das Glück hatte, wurde an der Tür abgeholt und bekam ein Quadrat auf dem Boden oder einen Stuhl zugewiesen. Dort musste man dann bleiben, bis man nach der jeweiligen Show wieder abgeholt und nach draußen begleitet wurde. So richtiges Konzertfeeling kam dabei nicht auf. Auch als in einigen Clubs Kellner:innen die Getränke aufnahmen und dann am Stuhl oder Quadrat servierten, fühlte sich das alles sehr skurril an. Aber hey, natürlich versuchen alle das Beste aus der beschissenen Lage zu machen. Ich hatte eine richtig gute Zeit auf dem Festival und bin dankbar, dass es durchgezogen wurde.

Eine Radioshow zum Festival habe ich auch gemacht.


Was war noch? 

Dieses Meme hat mich lang beschäftigt. 


(Die Beatles Doku war auch gut, ja.)


Am Ende haben wir die Musik

2021 war sicherlich nicht das Jahr, auf das wir alle gehofft hatten. Und zugegeben, der Ausblick auf 2022 macht die Sache nicht unbedingt besser. Aber ich glaube fest daran, dass es sich lohnt, optimistisch, inspiriert und solidarisch zu bleiben. Es kommen bessere Zeiten. Ganz sicher. Und am Ende haben wir immer die Musik!

Martin x